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Presse:
Gerald Siegmund, F.A.Z., 28.02.2005
Gitta Düperthal, Frankfurter Rundschau, 22.02.2005
Fröhlich, F.A.Z., 18.12.2004
Florian Malzacher, Frankfurter Rundschau, 18.12.2004
Doris Stickler, Evangelische Sonntagszeitung, 13.6.2004
Ulrike Krickau, Mainecho, 30.5.2004
Haben und Nichthaben
Performance im Gallus-Theater
Vom Theater erwartet man, daß man Geschichten erzählt bekommt, Geschichten von erfundenen Personen, die von Schauspielern verkörpert werden und die doch gerade über die Distanz der Fiktion ein Nachdenken über das Heute ermöglichen sollen. Anders die Performance, die im Zuge eines sich verändernden gesellschaftlichen Klimas seit den späten fünfziger Jahren auch einen anderen Kunstbegriff forderte. Weder das Schaffen von Fiktion noch von Illusion, sondern das Bearbeiten des eigenen Materials wie des Körpers oder der eigenen Biographie standen im Mittelpunkt des Interesses zahlreicher Künstler, um den Grenzverlauf zwischen Leben und Kunst, zwischen Prozeß und Werk wenn schon nicht einzureißen, so doch zumindest ein wenig durcheinanderzubringen.
Auch Heike Scharpffs Performance-Projekt "besitznichtbesitz2: egalite", in dem sie Besitzlose und Besitzende in einem Theaterraum aufeinandertreffen läßt, reiht sich ein in diesen revidierten Theaterbegriff, der aufgrund neuerlicher gesellschaftlicher Veränderungen plötzlich wieder aktuell scheint. Das Projekt ist ursprünglich im Zusammenhang mit der von William Forsythe initiierten Reihe "Soziale Choreographie" im vergangenen Frühjahr im TAT entstanden. Verändert und weitergeführt, war es nun abermals im Frankfurter Gallus-Theater zu sehen.
Männer, die an der Hauptwache "Platte machen", und Frauen, die mit beiden Beinen im Beruf stehen, Schülerinnen und Lebenskünstler, Sozialhilfeempfänger und Arbeitssuchende - Heike Scharpff hat sie alle zusammengeführt und läßt sie aus ihrem Leben und ihrem Alltag erzählen. Alle haben sie auf verschiedenen Sitzmöbeln Platz genommen, die die Bühne im Gallus-Theater in der Diagonalen teilen, und polieren Teller. Allesamt tragen sie blaue Jacken, die großen Gleichmacher, deren sie sich erst gegen Ende der Vorstellung entledigen. "Zwischen sechs und acht", fängt der erste in der Reihe an und erzählt kurz und knapp, wie für ihn der Tag beginnt.
Nacheinander beschreibt jeder seinen Tagesablauf im Zweistundentakt. In einer Reihe stehend, erzählen sie, was sie 1980, 1985, 1990 gemacht haben, wo sie im Jahr 2010 sein werden, und stellen mit den anderen Erinnerungsfotos und lustige Begebenheiten aus ihrem Leben nach. Je nach Erfolg und gesellschaftlicher Akzeptanz wechseln sie dabei ihre Positionen, als handle es sich dabei um das Ranking einer Umfrage.
Nicht alles geht jedoch auf in dieser Performance. Zu undeutlich etwa sind die eingespielten Soundcollagen, zu konturlos einige Ensembleszenen, in denen die Akteure scheinbar ziellos durcheinanderreden und -laufen. Doch in der Regel unterbinden die szenischen Arrangements jede Form von Selbstdarstellung. Aufgefangen in der Struktur, behält hier jeder seine Würde.
Heike Scharpff gelingt es, die unterschiedlichen Charaktere zu einer homogen agierenden Gruppe zusammenzufügen, in der die unterschiedlichen Temperamente und Biographien wie das Salz in der Suppe für die nötige Würze sorgen. Für die Dauer einer Stunde sind sie tatsächlich alle gleich. Denn jede Stimme zählt gleich viel in diesem Konzert, das ein genaueres Bild aktueller gesellschaftlicher Befindlichkeiten liefert als jede Klassikerinszenierung, ohne dabei die nötige Distanz, die das Theater jeder Art der Darstellung abverlangt, zu verlieren.
(Gerald Siegmund, F.A.Z., 28.02.2005, Nr. 49 / Seite 46)
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Existenzkampf satirisch verpackt
Auf einer Vernissage in der Katharinenkirche zeigt Raman Zaya am Samstag eine Videoinstallation
VON GITTA DÜPERTHAL
Mit einer Satire über den Mittelstand begann Raman Zayas Vernissage der Videoinstallation "besitznichtbesitz" am Samstagabend in der Katharinenkirche. Weiterhin sind Videoporträts Besitzloser in Schaufenstern einiger Geschäfte im Umfeld der Kirche zu betrachten.
INNENSTADT - 21. FEBRUAR - Der kleine Raum des Türmzimmers der Katharinenkirche platzte um 19 Uhr fast aus den Nähten. Rund 50 Zuschauer kamen, um die Uraufführung der Videoinstallation zu sehen: Zunächst ist alles scheinbar nur lustiges Spiel. Anfangs hat die Inszenierung von Raman Zayas Videospiel "Reise nach Jerusalem" auf der großen Leinwand atmosphärisch etwas was von Kindergeburtstags-Gaudi. Fünf Spieler des Ensembles "besitznichtbesitz" kreisen im adretten Business-Dress, in schwarzem Kostüm und Anzug, zu melodischer Geigen- und Schifferklavier-Musik um vier Stühle und versuchen einen Platz zu ergattern, sobald die Musik aufhört. Landet versehentlich eine auf des anderen Schoß, gibt es entschuldigende Gesten, verlegenes Gelächter. Bei jeder neuen Spielrunde lautet das Motto: Jeder kann gewinnen. Doch das Spiel - man kennt es auch von Kindergeburtstagen - artet aus. Die Gesichtszüge der Spieler werden verbissener, es gibt Gerangel. Einige Platzhirsche halten sich bewusst nicht an die Regeln. Andere kennen sie nicht. Wie auch immer, es geht um den Existenzkampf.
"Lauf", so lautet der Titel der Performance. Was hier gespielt wird, können die Zuschauer sich lebhaft vorstellen: Der Lauf der Ich-AGs um Aufträge, gut ausgebildeter Akademiker um rare Arbeitsplätze hat begonnen. Der Videokünstler Raman Zaya stellt seinem Publikum die Folgen der Ellenbogengesellschaft vor: Konkurrenz, gegenseitige Missachtung, mangelnder Respekt gegenüber anderen. Das Spiel ist aus. Es herrscht bittere Realität. Jacketts fliegen in die Ecke, hemdsärmelig geht es zur Sache. Der Verfall der Sitten wird sichtbar und hörbar, die Musik disharmonisch. "Wenn Blicke töten könnten!", kommentiert eine Zuschauerin den zunehmend brutaleren Umgang miteinander auf der Leinwand.
Verlierer in den Schaufenstern
Der Videokünstler Zaya und sein Ensemble von Besitzenden und Besitzlosen hat noch mehr Kunst mitten in die Stadt getragen: Volkskunst im besten Sinn. In Schaufenstern des Buchladens 2001, von Kontrast, der Buchhandlung Carolus, und bei "Sine" sind die Verlierer des Wettlaufs unter dem Titel "windstill« zu sehen. Gala, Jimy, Michelle und Marco aus dem Obdachlosenprojekt "Weser5" wirken in sensiblen Einzelporträts mit. Ihre Gesichter sind als Chimäre am Rand des Bildschirms zu betrachten. Schließlich stehen sie "am Rande der Gesellschaft". Doch ist dies keine klischeehafte "Armenkunst". Zaya kommentiert: "Wenn Besitzlose dargestellt werden, geschieht dies oft wenig ästhetisch. Das habe ich bewusst anders gemacht.« Das Resultat: Ein sich selbstbewusst gebender Jimy, genüsslich rauchend, und eine feinfühlig wirkende, ruhige Gala, die unverwandt in die Kamera schaut. Das Schaufenster hat der Künstler absichtsvoll als Ort seiner Präsentation gewählt. Eine "gläserne Grenze" trennt Besitzende von Nichtbesitzenden. Symbolisch steht der Ausstellungsort für den Warencharakter des Menschen. Wert ist nur, wer wirtschaftlichen Nutzen verspricht. Wenige der 20 Geschäftsleute, die Zaya insgesamt angesprochen hat, waren bereit, mitzumachen: "Doch diejenigen, die dabei sind, haben sich vertrauensvoll auf das Kunstprojekt eingelassen - sogar ohne das Endergebnis zuvor zu kennen."
(Frankfurter Rundschau, Dienstag, 22.Februar 2005, Nr.44, Seite 38)
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"Der Erfolg der Aufführungen im Mai hat Scharpff zufolge zu dem Wunsch geführt, das Projekt fortzusetzen. Videoarbeiten des Künstlers Raman Zaya, die in der Innenstadt gezeigt werden sollen, werden die Theaterperformance ergänzen. Auf diese Weise werde die Diskussion über Arm und Reich vom geschlossenen Bühnenraum in die Stadt zurückgebracht.
Für die vom 19. Februar an geplante mehrteilige Videoinstallation suchen die Veranstalter noch Sposoren für Videogeräte und Läden in der Innenstadt, die einen Teil ihrer Schaufensterflächen für die Projektionen zur Verfügung stelle. Eine Internetseite werde von Mitte Januar an über das Projekt infomieren und Diskussionsforum zum Thema Arm und Reich bieten, so Zaya. Zu diesem Zwecksoll auch ein öffentlicher Internetzugang an der Hauptwache eingerichtet werden." (Fröhlich, FAZ, 18.12.2004)
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"Heike Scharpff hat abermals ihre Spieler versammelt und lotet aus, wie so viele unterschiedliche Persönlichkeiten unter einen dramatischen Hut zu bringen sind. Denn das ist ja der Reiz so einer Arbeit: Dass ein solches Theater immer ein Theater des Risikos ist, dass die Macht der Regisseurin permanent eingeschränkt ist, dass zwischen Einordnung und Revolte nur ein haarscharfer Grat ist. Besitznichtbesitz2 jedenfalls wird, wenn es wie geplant im Februar auf die Bühne kommt, wieder ein beachtenswertes Stück Theater werden. Gerade weil es nie sicher sein kann, dass es Theater bleibt."
(Florian Malzacher, FR, 18.12.2004) Zum Anfang
"Regisseurin Heike Scharpff hat die Aufführung, die die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Besitzenden und Nicht-besitzenden vermitteln soll, mit den Darstellern gemeinsam entwickelt. Jeder spielte im Grunde sich selbst. Herausge-kommen ist eine Mischung aus Schauspiel, Performance und Revue, in der viel Humor und Überzeugungskraft steckt. Weil
sich die Inszenierung jeder Larmoyanz enthielt, kamen Szenen
zustande, die berührten."
(Doris Stickler in Evangelische Sonntagszeitung, 13.6.2004) Zum Anfang
"Im Frankfurter TAT, kurz bevor es sein Heim verliert, fanden Wohnsitzlose eine Bühne. Heike Scharpffs Projekt »besitznichtbesitz« entstand in Zusammenarbeit mit dem Diakoniezentrum Weser5.
Auf der Bühne tragen alle den gleichen dunkelblauen Anzug, sind ordentlich gewaschen und frisiert. Ein Unterschied zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden ist auf den ersten Blick nicht auszumachen. Erst als sie ihren Tagesbeginn schildern, werden die Grenzen deutlich. Gina wird von ihren Katzen geweckt und schläft dann weiter. Franky geht erst mal auf die Suche nach einer Toilette. Michael und Jimy rauchen einen Joint. Andreas bringt seine Tochter in den Kindergarten. Michaels Stimme ist ein rauhes Krächzen. Er bringt seine Mitspieler dazu, sich in zwei Reihen mit hochgereckten Armen hinzustellen. Sie sind die Allee, durch die er mit den Pfadfindern zum Sommerlager fuhr; sein schönstes Erlebnis. Michaelle stellt eine Lkw-Kabine aus ihren Mitspielern zusammen. Sie fuhr mit ihrem Truck durch die USA - bevor sie eine falsche Entscheidung traf und in Frankfurt in der Sozialhilfe landete.
Trotzdem gibt es noch Träume. Bonsai würde den Jugendverein von Dynamo Dresden unterstützen, wenn er Geld hätte, und eine Party an der Hauptwache schmeißen. Michael träumt von einem Häuschen im Grünen. Jimy würde sich eine Zukunft kaufen. Die Fans der Wohnsitzlosen sitzen im Publikum. Woher sollen sie wissen, dass es im Theater üblich ist, denen auf der Bühne das Reden zu überlassen? »Besitznichtbesitz« bekommt durch sie gelegentlich die Atmosphäre einer Westkurve im Fußballstadion. Nach den beiden Spieltagen im TAT werden sie aus dem Kulturleben Frankfurts wieder verschwinden und ihre Freunde mitnehmen. Im günstigsten Fall nehmen sie auch ein paar der nun gleichfalls wohnsitzlos gewordenen Visionen des TAT mit."
(Ulrike Krickau in Mainecho, 30.5.2004)
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